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Saisonarbeitskräfte bei der Ernte in Bayern
© BBV

Regionale Erzeugung unter Druck: BBV fordert Kurswechsel in der EU-Pflanzenschutzpolitik

Gemeinsames Positionspapier auf länderübergreifender Expertentagung in Innsbruck verabschiedet

31.03.2026 | In der europäischen Pflanzenschutzpolitik besteht dringender Handlungsbedarf: Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Expertentagung zum Pflanzenschutz, die der Bayerische Bauernverband (BBV) zusammen mit der Landwirtschaftskammer Tirol, dem Beratungsring Südtirol und den Bauernbünden Tirol und Südtirol in Innsbruck veranstaltet hat.

Abnehmende Verfügbarkeit von Wirkstoffen belastet regionale Erzeugung

„Die Verfügbarkeit wirksamer Pflanzenschutzwirkstoffe nimmt kontinuierlich ab, während gleichzeitig die Anforderungen weiter steigen“, bemängelt Karl-Ludwig Rostock, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Sonderkulturen des BBV. „So kann es für die landwirtschaftliche Praxis nicht weitergehen. Wenn Wirkstoffe wegfallen und keine Alternativen zur Verfügung stehen, gerät die regionale Erzeugung zunehmend unter Druck“. 

Mehr als 60 Expertinnen und Experten aus Praxis, Beratung, Wissenschaft und Verwaltung diskutierten in Innsbruck über die zunehmenden Einschränkungen im Pflanzenschutz. Im Mittelpunkt stand die rückläufige Verfügbarkeit wirksamer Pflanzenschutzwirkstoffe. Seit Jahren verschwinden bewährte Wirkstoffe vom Markt, während neue Wirkstoffe nur sehr verzögert zugelassen werden.

 

Kritik an unscharfer Risikobewertung im Zulassungsrecht

Im Kern geht es darum, wie Pflanzenschutzwirkstoffe bewertet werden und welche Maßstäbe dabei angelegt werden. Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Unterscheidung zwischen Gefahr und Risiko. Eine Referentin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) erläuterte, dass die bloße Eigenschaft eines Stoffes noch nichts darüber aussagt, ob er bei der Anwendung tatsächlich schädlich ist. Entscheidend ist, ob unter realen Anwendungsbedingungen ein Risiko für Verbraucher, Anwender oder Umwelt entsteht. 

Nach Einschätzung der Teilnehmenden wird dieser Unterschied im europäischen Zulassungsrecht derzeit nicht ausreichend berücksichtigt. Wirkstoffe verlieren ihre Genehmigung häufig bereits aufgrund bestimmter Eigenschaften, auch wenn ihr Einsatz bei sachgerechter Anwendung als vertretbar gelten kann. Damit sehen sich die Landwirte in ihrer Kritik bestätigt und erhalten zugleich fachliche Unterstützung für eine stärkere Ausrichtung an einer risikobasierten Bewertung.

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich besonders deutlich in Sonderkulturen wie Obst, Wein, Gemüse, Hopfen und Zierpflanzen. In vielen Bereichen stehen nur noch wenige wirksame Wirkstoffe zur Verfügung, während gleichzeitig die Anforderungen steigen. Das erschwert den Pflanzenschutz in der Praxis und verringert zugleich die Möglichkeiten für ein wirksames Resistenzmanagement.

 

Gewässerschutz: auch Arznei- und Waschmittel in den Blick nehmen

Auch der Zielkonflikt zwischen Pflanzenschutz und Gewässerschutz wurde intensiv diskutiert. Dass Belastungen von Gewässern nicht allein der Landwirtschaft zugeschrieben werden können, machte der Bochumer Professor Tobias Licha deutlich. Neben der Landwirtschaft spielen auch andere Quellen eine Rolle, etwa Stoffeinträge aus Siedlungsbereichen, Rückstände aus Haushalten sowie Belastungen infolge einer teilweise sanierungsbedürftigen Abwasserinfrastruktur. Pauschale Einschränkungen im Pflanzenschutz greifen daher zu kurz; erforderlich sind differenzierte Maßnahmen, die alle relevanten Eintragspfade berücksichtigen.

 

Positionspapier mit Forderungen für Pflanzenschutz in Sonderkulturen

Im Rahmen der Tagung hat der BBV gemeinsam mit den Partnerorganisationen ein Forderungspapier zur Weiterentwicklung des europäischen Pflanzenschutzrechts erarbeitet. Darin werden unter anderem eine stärkere risikobasierte Bewertung, schnellere und verlässlichere Zulassungsverfahren sowie eine bessere Verfügbarkeit von Wirkstoffen für Sonderkulturen gefordert. Das Forderungspapier wird den politischen Entscheidungsträgern auf nationaler und europäischer Ebene zur Verfügung gestellt.

 

Der BBV betont: Nur wenn das europäische Zulassungs- und Bewertungssystem wieder stärker an wissenschaftlichen Maßstäben, praktischer Umsetzbarkeit und der Sicherung der regionalen Erzeugung ausgerichtet wird, kann die Landwirtschaft in Europa langfristig wettbewerbsfähig bleiben.