Man kann nirgends so viel bewegen wie im Ehrenamt
Eine Kreisbäuerin und ein Kreisobmann im Gespräch
Was ist das Besondere am Kreisehrenamt?
Sonja Müller: Ich bin eigentlich in das Ehrenamt hineingerutscht. In meiner Familie war Ehrenamt immer wichtig, und bei einer Kreisverbands-Jahresversammlung wurde damals eine Beisitzerin gesucht. Die damalige Kreisbäuerin hat mich vorgeschlagen. Daraus wurde später die Stellvertretung und schließlich das Amt der Kreisbäuerin.
Mir ist wichtig, mich für andere einzusetzen, die Landfrauenarbeit und die Landwirtschaft voranzubringen und die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit positiv darzustellen. Ich habe es eigentlich nie bereut, dass ich mich darauf eingelassen habe.
Ralf Arnold: Bei mir war es ähnlich: Ich wurde gefragt, ob ich mir das Amt vorstellen könnte. Für mich war vor allem entscheidend, dass man über Kommunikation Themen weiterreichen und voranbringen kann. Wenn man merkt, dass einem das zugetraut wird, sagt man irgendwann: „Okay, dann stelle ich mich zur Verfügung und schaue, ob die Ortsobmänner und Ortsbäuerinnen das genauso sehen.“
Das Besondere ist für mich, dass man eine Verbindung zwischen der Basis und den höheren Verbandsebenen herstellen kann. Themen, die vor Ort entstehen, können wir aufnehmen, sichtbar machen und weitertragen.
Wie arbeiten Kreisobmann und Kreisbäuerin gut zusammen?
Ralf Arnold: Wir arbeiten seit viereinhalb Jahren zusammen und harmonieren wirklich gut. Wir sind sicher nicht immer einer Meinung – aber wir respektieren uns und verstehen uns auch freundschaftlich sehr gut. Jeder lässt dem anderen sein Ressort /seinen Bereich.
Dabei würde ich gar nicht sagen, dass es reine Männer- und Frauenthemen gibt. Natürlich gibt es unterschiedliche Interessen und Schwerpunkte. Aber wenn Frau Müller mich fragt, wie etwas beim Landfrauentag laufen könnte, dann sage ich nicht einfach: „Das ist dein Thema, da halte ich mich raus.“ Wir tauschen uns aus und verbinden unsere Perspektiven.
Sonja Müller: Genau das macht unsere Zusammenarbeit aus. Wenn eine Anfrage zu einem landwirtschaftlichen Thema kommt, ist Ralf Arnold in der Regel der Ansprechpartner. Bei Themen rund um die Landfrauen komme ich eher zum Zug. Aber wir besprechen uns trotzdem und stimmen uns ab.
Auch organisatorisch funktioniert das gut. Wir haben gemeinsam mit unseren Stellvertretern und dem Geschäftsführer eine WhatsApp-Gruppe, über die wir uns schnell abstimmen können. Je nach Jahreszeit gibt es Phasen, in denen wir täglich miteinander zu tun haben – und dann wieder Zeiten, in denen zwei oder drei Wochen weniger ansteht.
Wie können Sie auf Kreisverbandsebene Themen für den Berufsstand anpacken?
Ralf Arnold: Das beginnt damit, die Themen aus dem eigenen Landkreis überhaupt sichtbar zu machen. In Lindau gibt es teilweise andere Probleme als im Oberallgäu, Ostallgäu oder in anderen Regionen Schwabens. Deshalb ist es wichtig, solche Themen bei den Bezirksbesprechungen anzusprechen und weiterzugeben.
Ein gutes Beispiel sind Themen, bei denen aus der Praxis heraus sehr schnell gehandelt werden muss. Wenn wir merken, dass ein Problem für unsere Betriebe relevant ist, können wir über die kurzen Wege im Verband direkt die entsprechenden Ansprechpartner erreichen. So kann beispielsweise innerhalb eines Tages eine Information für die Mitglieder entstehen.
Diese kurzen Wege sind extrem wichtig. Die Informationen müssen aber von unten nach oben fließen: Die Menschen vor Ort müssen uns sagen, was sie beschäftigt. Dann können wir das Thema weitertragen.
Sonja Müller: Auch Bildungsangebote sind eine Möglichkeit, etwas zu bewegen. Ich mache beispielsweise Veranstaltungen mit den Ortsbäuerinnen und bringe dort Themen des Verbandes ein – etwa zu Steuern, Erbschaft, Testament oder Patientenverfügung. Wenn danach jemand direkt in der Geschäftsstelle Beratung sucht und sich beispielsweise um ein Testament oder eine Patientenverfügung kümmert, dann weiß ich: Das Angebot hat etwas bewirkt.
Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit?
Ralf Arnold: Eine sehr große. Es reicht nicht, nur auf Presseanfragen zu reagieren. Man muss auch selbst aktiv auf die Medien zugehen und das Gespräch am Laufen halten.
Gerade bei Themen wie der Zukunft einer Einrichtung oder aktuellen Herausforderungen in der Landwirtschaft müssen wir selbst den Anstoß geben. Sonst bewegt sich manchmal nichts – und politisch bekommt das Thema ebenfalls kein Gewicht.
Ich finde es außerdem wichtig, dass nicht immer nur der Kreisobmann in der Zeitung oder vor der Kamera steht. Wir haben viele Menschen im Verband, die in ihren jeweiligen Themenfeldern etwas zu sagen haben. Auch Ortsobmänner oder Stellvertreter sollen zu Wort kommen.
Sonja Müller: Öffentlichkeit ist wichtig – auch wenn sie einmal kritisch ist. Hauptsache, wir sind im Gespräch und die Landwirtschaft wird wahrgenommen.
Was sind die größten Herausforderungen?
Sonja Müller: Bei der Landfrauenarbeit ist es vor allem der gesellschaftliche Wandel. Die Frauen auf dem Land sind heute selbstständiger, beruflich unterwegs und haben andere Bedürfnisse als noch vor einigen Jahrzehnten. Veranstaltungen müssen deshalb heute viel mehr bieten.
Die Herausforderung ist, die richtige Mischung zu finden: Die einen wünschen sich etwas anderes als die anderen. Eine reine Unterhaltung reicht vielen nicht mehr – es braucht Inhalte, neue Impulse und einen echten Mehrwert.
Ralf Arnold: Für mich ist die größte Herausforderung, dass die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit Gehör findet. Das ist ein dickes Brett, das man bohren muss. Wir müssen uns immer wieder ins Gespräch bringen, unsere Themen erklären und unsere Interessen formulieren.
Landwirtschaft der Gesellschaft zu erklären, ist eine Mammutaufgabe und eine echte Daueraufgabe.
Was können Sie konkret bewegen?
Ralf Arnold: Man kann sehr viel bewegen, wenn die verschiedenen Ebenen zusammenspielen. Die Pyramide muss funktionieren: Ein Thema entsteht vor Ort, wird im Ortsverband aufgegriffen, kommt zum Kreisverband, geht in den Bezirk und kann von dort weitergetragen werden.
Dabei geht es nicht immer nur um die großen politischen Themen. Mich bewegen auch die Dinge, über die man später nichts in der Zeitung liest. Wenn jemand vor Ort ein persönliches Problem hat oder Unterstützung braucht, kann man manchmal auf dem kurzen Dienstweg helfen. Das gehört für mich genauso zum Ehrenamt.
Und es zeigt, wie stark die Landwirtschaft zusammenhält. Dieses Netzwerk ist ein Stück weit ein Schutznetz für die Menschen.
Wie wichtig ist die Unterstützung durch den Verband?
Ralf Arnold: Das ist ein riesiger Vorteil des Kreisehrenamts. Man hat eine enorme Fachexpertise im Hintergrund und kann Fragen klären, wenn man selbst nicht weiterweiß.
Wir sind durch unser Ehrenamt nicht automatisch zu Fachberatern geworden – und das müssen wir auch nicht sein. Für steuerliche, rechtliche oder andere fachliche Fragen gibt es die Experten in der Geschäftsstelle. Unsere Aufgabe ist es, die Themen zu erkennen, Ansprechpartner zu vermitteln und die Menschen mit den richtigen Informationen zusammenzubringen.
Sonja Müller: Und wir erleben eine große Unterstützung durch die Geschäftsstelle. Unser Geschäftsführer ist für uns immer ansprechbar und unterstützt uns sehr. Das gibt Sicherheit.
Wir verstehen uns inzwischen auch persönlich sehr gut und auch wenn es kitschig klingt: wir sind schon ein bisschen ein „Dream Team“ hier in Lindau.
Es darf im Ehrenamt ruhig auch einmal etwas anderes geben als Sitzungen und Termine. Wir haben beispielsweise nach einer verlorenen Wette gemeinsam eine Radtour zum Pfänder gemacht. Solche gemeinsamen Erlebnisse schweißen natürlich zusätzlich zusammen.
Gibt es auch einen persönlichen Gewinn durch das Ehrenamt?
Ralf Arnold: Auf jeden Fall. Ich habe fachlich unglaublich viel gelernt. In meinen viereinhalb Jahren als Kreisobmann habe ich mehr über die Vielseitigkeit der Landwirtschaft gelernt als früher in der Berufsschule. Man bekommt Einblicke in Bereiche, die man als Betriebsleiter allein gar nicht unbedingt kennenlernt.
Auch persönlich wächst man. Öffentliche Auftritte, Interviews oder Diskussionen helfen dabei, sich auszudrücken und sicherer aufzutreten. Das kann man sogar im eigenen Betrieb nutzen – beispielsweise bei Verhandlungen.
Sonja Müller: Für mich hat das Ehrenamt vor allem Selbstbewusstsein und unglaublich viele Kontakte gebracht. Es waren viele positive Begegnungen dabei, aber auch negative Erfahrungen. Beides ist wichtig und gehört zum Leben dazu.
Viele Möglichkeiten, die sich für mich später ergeben haben, sind aus diesem Ehrenamt entstanden. Ich bin beispielsweise stellvertretende Landrätin und auch beim Roten Kreuz engagiert. Ohne das Amt als Kreisbäuerin und die Kontakte, die damit verbunden waren, wäre vieles davon wahrscheinlich nicht entstanden.
Sonja Müller: Ich bin nur die, die ich heute bin, weil ich unter anderem dieses Ehrenamt gehabt habe. Das hat mir Selbstbewusstsein geben, unheimlich viele Kontakte, ganz viele positive Begegnungen, aber auch negative. Und auch die sind wichtig, weil ich nur so fürs Leben lernen kann. Alles was ich erreicht habe, habe ich durch den Bauernverband erreicht. Ich bin beispielsweise stellvertretende Landrätin. Das wäre ich nicht, wenn ich nicht dieses Amt der Kreisbäuerin und die ganzen landwirtschaftliche Betriebe hinter mir gehabt hätte.
Es ist also nicht so, dass man nur für andere etwas tut – man gewinnt selbst unglaublich viel dazu.
Was würden Sie jemandem sagen, der überlegt, ein Ehrenamt zu übernehmen?
Ralf Arnold: Die erste Antwort auf die Frage nach einem Ehrenamt lautet meistens: „Ich habe keine Zeit.“ Dann würde ich zurückfragen: „Du hast keine Zeit, beschwerst dich aber über die Themen A, B und C. Sind dir diese Themen wichtig genug, dass du dich dafür einsetzen möchtest?“
Natürlich kostet ein Ehrenamt Zeit. Aber viele Termine stehen lange im Voraus fest und lassen sich planen – auch mit Familie und Betrieb. Deshalb kann ich es jedem empfehlen, sich für den Berufsstand einzusetzen.
Sonja Müller: Ich kann es ebenfalls nur empfehlen. Man muss sich fragen: Wo will ich in meinem Leben hin? Will ich stehen bleiben oder mich weiterentwickeln?
Durch das Ehrenamt erlebt man Dinge, die man sonst vielleicht nie erleben würde. Zum Beispiel auf Landesebene mit politischen Entscheidungsträgern zu diskutieren oder mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen ins Gespräch zu kommen. Diese Erfahrungen nimmt einem niemand mehr.
Ich glaube, nirgends kann man so viel bewegen wie im Ehrenamt.
Und wie geht es weiter?
Ralf Arnold: Ich möchte mich definitiv wieder aufstellen lassen und würde gerne weitermachen. Natürlich liegt die Entscheidung bei den Obmännern und Ortsbäuerinnen – aber ich stelle mich wieder zur Verfügung.
Sonja Müller: Ich werde aufhören würde gerne aufhören und den Platz für jemanden freimachen, der mitten im Betriebsleben steht und die Ziele und Themen der nächsten Generation stärker vertreten kann. Das fällt mir ehrlich gesagt nicht leicht, weil viel Herzblut darin steckt.
Aber ich glaube, jetzt ist die Zeit für einen Generationenwechsel. Die nächste Generation sollte den Weg für ihre Familien und ihre Betriebe mitgestalten.
Ralf ist ja genau in dem Alter und ich kann meiner möglichen Nachfolgerin nur sagen: mach das, Du hast einen so tollen Kreisobmann!
Ralf Arnold: Das zeigt vielleicht auch, was Kreisehrenamt ausmacht: Man arbeitet nicht nur für den Verband, sondern gemeinsam mit Menschen, mit denen man über die Jahre ein echtes Miteinander entwickelt.