„Man kann ein kleines bisschen dazu beitragen, dass etwas Schub bekommt“
Hinweinwachsen und mitgestalten: Das Ehepaar Grabmaier berichtet über die Erfahrungen als Ortsbäuerin und Ortsobmann
Wie sind Sie zum Ortsehrenamt gekommen?
Barbara Grabmaier: Ich bin vor fünf Jahren eher ungeplant ins Ehrenamt gerutscht. Eine Vorgängerin aus dem Dorf hat mich damals gefragt, ob ich ihre Stellvertreterin machen würde. Das konnte ich mir gut vorstellen. Als dann der Wahltag kam, war sie krank – und plötzlich war ich die Erste. So war das eigentlich gar nicht geplant.
Peter Grabmaier: Bei mir war es ganz ähnlich. Ich wollte eigentlich auch nur den zweiten Posten übernehmen. Derjenige, der damals als Erster vorgesehen war, ist dann aber nicht gekommen. Und so bin ich ebenfalls ins kalte Wasser geschmissen worden. Im Nachhinein denke ich: Es hat wohl so sein sollen.
Haben Sie die Entscheidung bereut?
Peter Grabmaier: Nein, überhaupt nicht. Mir ist das Ehrenamt allgemein wichtig. Wenn sich keiner bereitstellt, muss eben jemand einspringen. Ich bin dadurch auch gleich in die Kreisvorstandschaft gekommen und muss ehrlich sagen: Es macht mir viel mehr Spaß, als ich gedacht hätte. Wir sind dort einfach eine richtig gute Truppe. Jung und Alt arbeiten zusammen, jeder bringt seine Stärken ein. Wenn man mit motivierten Leuten gemeinsam etwas auf die Beine stellt und am Ende sieht, dass wirklich etwas passiert, ist das unglaublich motivierend. Nur ein Beispiel. Für eine Demonstration in München hatten wir innerhalb kürzester Zeit mehrere Busse aus dem Landkreis organisiert, einen Sammelparkplatz auf die Beine gestellt und uns um Verpflegung gekümmert. Jeder hat mitgedacht und seine Aufgabe übernommen. Am Ende hat alles funktioniert. Solche Erlebnisse zeigen einem, was man gemeinsam schaffen kann.
Was können Sie als Ortsbäuerin und Ortsobmann konkret bewegen?
Peter Grabmaier: Auf der kleinen Ebene kann man natürlich nicht die Welt verändern. Aber man kann ein kleines bisschen dazu beitragen, dass etwas Schub bekommt.
Barbara Grabmaier: Für mich bedeutet das vor allem, im Ort präsent zu sein und immer wieder etwas anzubieten. Ich habe zum Beispiel Brotzeitplatten- und Acker-Catering-Kurse organisiert. Die ersten Kurse waren innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Das zeigt: Wenn man ein Angebot macht, das die Leute interessiert, wird es auch angenommen. Wichtig ist mir außerdem, die Jüngeren wieder stärker einzubinden. Wir haben erlebt, dass Menschen, die früher einmal aus dem Verband ausgetreten sind, wieder Interesse zeigen. Deshalb finde ich es wichtig, gerade die Jungen einfach wieder zu fragen: Habt ihr Lust? Möchtet ihr wieder dabei sein? Möchtet ihr euch einbringen?
Wie gelingt es, Menschen für das Ehrenamt zu begeistern?
Barbara Grabmaier: Ich glaube, das Wichtigste ist, selbst Vorbild zu sein. Wir sind für unsere Positionen relativ jung und ich glaube, das hat bei dem einen oder anderen schon Schule gemacht. Manche denken sich dadurch: „Vielleicht könnte ich mich auch wieder einbringen.“ Man muss dabei gar nicht ständig große Aktionen veranstalten. Es reicht, immer wieder ein bisschen Leben hineinzubringen. Eine Veranstaltung, ein Kurs, eine Aktion – und schon merken die Leute: Da tut sich etwas.
Peter Grabmaier: Heute kann man dafür auch soziale Medien nutzen. Aber die beste Werbung ist meines Erachtens immer noch das persönliche Vorbild. Wenn jemand sieht, dass andere mit Freude dabei sind, etwas organisieren und gemeinsam etwas bewegen, steckt das an.
Wie wichtig ist das Netzwerk?
Peter Grabmaier: Das Netzwerk ist eigentlich das Entscheidende. Mit der Zeit wird dieses Geflecht immer dichter. Es sind immer mehr Knoten dazugekommen, sag ich jetzt mal so, wo man einfach andocken kann. Man kennt jemanden, der eine Halle hat, jemanden, der Getränke besorgen kann, jemanden, der einen Partyservice macht oder jemanden, der bei einer Veranstaltung mithelfen kann.
Wir hatten zum Beispiel einmal eine SVLFG-Veranstaltung zum Thema Sicherheit. Ein anderer Ortsobmann hat sich sofort bereit erklärt, seine Halle zur Verfügung zu stellen. Er meinte, er sei seit zehn Jahren Ortsobmann und habe bisher noch nie richtig helfen können. Also hat er die Halle ausgeräumt, bestuhlt, Getränke organisiert – einfach alles.
Genau solche Momente sind schön. Die Leute wollen sich einbringen, aber nicht jeder möchte vorne stehen und reden. Manche helfen lieber im Hintergrund. Und auch das ist genauso wertvoll.
Barbara Grabmaier: Man darf nicht einfach sagen: „Ich bin erste Orstbäuerin, ich macht das und brauch keinen dazu“. Im Gegenteil: Man muss die Leute mitmachen lassen und auch ihre Unterstützung annehmen.
Peter Grabmaier: Im Grunde ist man als Ortsobmann oder Ortsbäuerin ein bisschen derjenige, der die Führungsrolle übernimmt. Man muss bereit sein, zu führen, ohne die anderen zu überfordern. Wenn sich eine Eigendynamik entwickelt und jeder weiß, was er beitragen kann, läuft vieles von selbst.
Arbeiten Sie als Ortsbäuerin und Ortsobmann getrennt oder gemeinsam?
Barbara Grabmaier: Wir machen sehr viel miteinander. Es ist eigentlich fast ein gemeinsames Hobby geworden. Wir haben beispielsweise gemeinsam eine Veranstaltung zum Thema Burnout organisiert und überlegen auch neue Veranstaltungen gemeinsam. Es gibt bei uns mehrere Paare, die sich gemeinsam engagieren. Dabei geht es nicht darum, dass die Frau nur Frauenthemen und der Mann nur Männerthemen übernimmt. Wir ergänzen uns.
Auch bei Aktionen wie dem Catering helfen wir uns gegenseitig. Wenn viel vorzubereiten ist und ich das nicht alleine schaffe, steht mein Mann genauso mit in der Küche. Das ist dann auch Familienleben.
Was sind die größten Herausforderungen im Ortsehrenamt?
Barbara Grabmaier: Die größte Herausforderung ist sicherlich die Zeit. Wir haben einen Milchviehbetrieb und dadurch ist man zeitlich nicht völlig flexibel. Gerade abends muss man schauen, dass man rechtzeitig mit der Stallarbeit fertig wird, um zu einer Sitzung oder Veranstaltung zu kommen. Aber in der Praxis ist das eigentlich kein großes Thema mit der Zeit. Es ist absolut machtbar, weil man sich vieles selbst einteilen kann. Gerade am Anfang muss man auch nicht sofort alles machen. Ich habe in den ersten zwei Jahren relativ wenig gemacht. Ich musste erst schauen: Was machen andere Ortsverbände? Was interessiert die Leute bei uns? Was kann ich anbieten?
Peter Grabmaier: Die größte Unsicherheit ist oft: Wird eine Veranstaltung überhaupt angenommen? Wenn man etwas organisiert, steckt viel Arbeit dahinter. Man weiß aber vorher nicht, ob am Ende genügend Leute kommen. Mit der Zeit wird man da gelassener. Man lernt, was funktioniert und was die Menschen interessiert.
Was hilft dabei, die Aufgaben zu bewältigen?
Peter Grabmaier: Ein gutes und auch möglichst großes Team. Wenn man mehrere Leute hat, die mitdenken und helfen, ist die Terminsache schon viel leichter zu bewältigen, weil auch mal jemand anders für einen einspringen kann. Wenn ein Stellvertreter zu einer Versammlung geht und danach erzählt, was dort besprochen wurde, ist das schon wertvoll.
Barbara Grabmaier: Deshalb ist es wichtig, auf Ortsebene ein möglichst großes Team aufzubauen. Je stärker das Netzwerk, desto leichter kann man miteinander arbeiten.
Was kann man persönlich aus dem Ehrenamt mitnehmen?
Peter Grabmaier: Sehr viel. Man wächst persönlich daran. Ich erinnere mich beispielsweise an den Rhetorikunterricht in der Winterschule. Für uns junge Männer war das damals eher eine Katastrophe. Heute muss ich bei Veranstaltungen immer wieder etwas sagen oder jemanden begrüßen – und das ist überhaupt kein Problem mehr. Durch das Ehrenamt lernt man, vor Menschen zu sprechen, Verantwortung zu übernehmen und auch einmal spontan für jemanden einzuspringen.
Außerdem bekommt man Einblicke in andere Betriebe und kann sich austauschen. Oft erfährt man in einem ganz normalen Gespräch etwas, das man für den eigenen Betrieb mitnehmen kann.
Gibt es noch andere Dinge, von denen Sie profitieren?
Barbara Grabmaier: Ja, ganz klar das Netzwerk. Wenn man über die Jahre viele Menschen kennenlernt, weiß man irgendwann: Wen kann ich fragen? Wer kann mir bei diesem Thema helfen? Wer hat Erfahrung damit? Und man bekommt auch etwas zurück. Wenn jemand sagt: „Danke, dass ich helfen durfte. Das hat mir Freude gemacht“, dann ist das manchmal mehr wert als jedes Lob für die eigentliche Veranstaltung.
Peter Grabmaier: Sogar unsere zwei Töchter übernehmen das schon: Sie lernen sich selbst zu organisieren und sich ein Netzwerk aufzubauen.
Was würden Sie jemandem sagen, der überlegt, ein Ortsehrenamt zu übernehmen?
Barbara Grabmaier: Ich würde es auf jeden Fall empfehlen. Man muss nicht von Anfang an alles können und auch nicht sofort große Veranstaltungen auf die Beine stellen. Man kann hineinwachsen. Wir haben nie den Druck gehabt, sofort viel zu machen. Wichtig ist, dass man Lust hat, etwas zu bewegen und offen dafür ist, andere mit ins Boot zu holen. Man muss auch nicht alles alleine machen. Jeder hat andere Stärken – und genau das macht ein gutes Team aus.
Peter Grabmaier: Und man sollte keine Angst davor haben, einfach mal was zu machen, auch wenn man das Hintergrundwissen nicht komplett hat. Manchmal wird man ins kalte Wasser geschmissen. Aber wenn man sich darauf einlässt, merkt man schnell, dass man Unterstützung bekommt.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Ehrenamts?
Peter Grabmaier: Wir müssen sichtbarer werden. Gerade als Bauernverband sollten wir bei Veranstaltungen präsent sein und zeigen, wer wir sind und was wir machen. Das kann ein Stand auf einem größeren Fest sein, eine Aktion für Familien oder eine Veranstaltung, bei der man mit den Verbrauchern direkt ins Gespräch kommt. Wir haben zum Beispiel beim Ebersberger Volksfest eine kleine Gewinnspielaktion organisiert. Da kommen auch viele Menschen, die mit Landwirtschaft sonst wenig zu tun haben. Sie freuen sich über die Tiere, über das Angebot für Kinder und darüber, dass etwas geboten wird. Und genau dieses positive Erlebnis bleibt hängen.
Barbara Grabmaier: Und am Ende geht es immer wieder um dasselbe: Man kann auf Ortsebene nicht alles verändern. Aber man kann etwas bewegen, Menschen zusammenbringen und dafür sorgen, dass Gemeinschaft entsteht. Und wenn man das gemeinsam macht, macht es auch noch richtig viel Spaß.