BBV-Landesbäuerin Anneliese Göller im Portrait
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BBV Landesbäuerin Anneliese Göller

Alltagskompetenz wichtiger denn je

Landesbäuerin Anneliese Göller zieht Zwischenbilanz

14.05.2020 | Die letzten Wochen haben deutlich gemacht, wie wichtig die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln in Krisenzeiten ist. Aber auch Haushaltsführung, Nahrungszubereitung und Ernährung spielen eine deutlich wichtigere Rolle als vor Corona.

Liebe Bäuerinnen und Bauern,

die Corona-Epidemie ist für uns alle eine große Herausforderung. Seit letzter Woche sind die Ausgangsbeschränkungen gelockert worden, und wir lernen mit einer neuen Normalität zu leben: Auf Händeschütteln oder gar Umarmungen zu verzichten und Abstand zu halten. Ein guter Zeitpunkt, um eine Zwischenbilanz zu ziehen und ein paar wichtige Impulse zur Debatte der nächsten Wochen beizusteuern: Wie wichtig die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln in Krisenzeiten ist, haben die letzten Wochen deutlich gemacht.

Da wurde es geschätzt, Landwirtschaft im eigenen Land zu haben, auf regionale Produkte zurückgreifen zu können, die Vielfalt an pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln sicherstellen zu können. Ich bin stolz auf jede Bauernfamilie, auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im vor- und nachgelagerten Bereich, die jeden Tag genau dazu beigetragen haben. Was ich mir wünsche, ist, dass wir dieses Erlebte auch in unsere neue Normalität übernehmen, dass die Systemrelevanz der Landwirtschaft nicht eine Aussage in Krisenzeiten bleibt, sondern gesetzlich verankert wird und Entscheidungen künftig daran gemessen werden, ob sie dazu beitragen, die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus dem eigenen Land zu stärken. Wie schnell das Einkommen aus einem sicher geglaubten Betriebszweig wegbrechen kann, haben wir in den letzten Wochen in Bezug auf diversifizierende Betriebe erlebt: Urlaub auf dem Bauernhof verschoben, Erlebnisangebote abgesagt, Gastronomie und Schul-Catering geschlossen. Für einige Angebote fehlt noch immer das Licht am Ende des Tunnels. Viele dieser Betriebszweige sind in Frauenhand. Das schmerzt mich als Landesbäuerin besonders. Doch ob sich das Sprichwort auszahlt, dass es sich auf mehreren Beinen besser stehen lässt als auf einem, werden auch die nächsten Monate entscheiden.

Ich werbe darum, dass wir uns alle miteinander bemühen, die Marktpreise für landwirtschaftliche Produkte stabil zu halten. Was wir dazu beitragen können:
durch Verbraucherinformation und Rezeptideen für private Verbraucher die Lust am Kochen zu fördern.Hierfür liefern wir Landfrauen Rezepte und Tipps und auch der Verein „Unsere Bayerischen Bauern“ hat viel zu bieten. Doch auch an der Umsetzung des Ziels 50 % regionale und Bioprodukte in der Außer-Haus-Verpflegung müssen wir dranbleiben. Es muss gehalten werden – auch wenn dann für Kantinenessen mehr ausgegeben werden muss. Denn der Absatz jedes regionalen Produkts sichert das Auskommen der Bauernfamilien und trägt zum Klimaschutz bei. Wie sehr sich die Wertschätzung für Berufe ändern kann, hat sich zuletzt gezeigt. Der Arzt- und Pflegeberuf wurde systemrelevant. Doch muss nicht auch die Hauswirtschaft noch viel stärker ins Blickfeld gerückt werden? Pflege und Hauswirtschaft gehen in Krankenhäusern und Altenheimen doch Hand in Hand. Die hauswirtschaftlichen Berufe sind für die Versorgungsleistungen wie Verpflegung, Wäscheservice, Reinigung zuständig und ergänzen die Leistungen von Ärzten und Pflegern – auch im Bereich der Hygiene. Meines Erachtens muss dieses Berufsfeld mit einer angemessenen Bezahlung dringend die Wertschätzung erhalten, die es verdient. Das wäre auch für junge Menschen ein Signal: Hauswirtschaft ist ein wichtiger, systemrelevanter Beruf! Du wirst gebraucht und kannst einen Beitrag leisten. Du bist ein Held des Alltags! Wie stark sich unser Alltag verändert hat, haben wir alle gemerkt – am meisten aber die Familien, die Homeoffice sowie Kinderbetreuung und Schule daheim bzw. häusliche Pflege unter einen Hut bringen müssen, weil Betreuungsmöglichkeiten weggebrochen sind. Um das zu meistern, ist Alltagskompetenz wichtiger denn je: Nahrungszubereitung für die Familie, Ernährung und Gesundheit, Haushaltsführung spielen plötzlich eine deutlich wichtigere Rolle als vor Corona. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Erfahrung, wie wichtig es ist, seinen Alltag selbst meistern zu können, ins kollektive nationale Gedächtnis einprägt und damit so manche Diskussion über die Bedeutung der Projektwochen „Schule fürs Leben“ überflüssig wird. Der Zeitpunkt für die Einführung im Herbst könnte nicht passender sein. Nutzen wir die Chance der Mitgestaltung!