Ernährung & Verbraucher

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Fließendes Wasser aus leeren Kanistern dient dem Händewaschen.

Wie meistern Bäuerinnen in Kenia die Corona-Krise?

BBV-Landfrauengruppe hat bei zwei Frauen aus dem Kenia-Projekt nachgefragt

13.05.2020 |

Doch die Corona-Pandemie stellt dieses erfolgreiche und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geförderte Projekt vor neue Herausforderungen. Zwei kenianische Bäuerinnen geben einen ganz persönlichen Einblick, wie sie die Krise erleben und wie die Menschen mit kreativen Ideen der Pandemie trotzen.

„Regional handeln – global denken“: Diesem Grundsatz hat sich die Landfrauengruppe im Bayerischen Bauernverband mit ihrem Kenia-Projekt seit Mai 2017 verschrieben. Im Rahmen der Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vernetzen sich die Landfrauen im Bayerischen Bauernverband mit Bäuerinnen in Westkenia. Im April hat das BMZ das erfolgreiche Entwicklungsprojekt für ein Jahr verlängert.

In der ersten Projektphase wurde erstmals ein Landfrauenverband in Kenia gegründet. Bis März 2021 soll die „Women Farmer Association of Kenya“ (WoFaAK) als handlungsfähiger Landfrauenverband und Selbsthilfeorganisation weiter gestärkt werden. Dazu sind Seminare und Veranstaltungen vor Ort vorgesehen.

Doch die konkrete Umsetzung der geplanten Maßnahmen ist derzeit wegen der Corona-Pandemie auch in Kenia schwierig. Wir haben bei zwei kenianischen Landfrauen nachgefragt, die im Projekt der bayerischen Landfrauen mitarbeiten und bereits mehrere Ernährungstrainings durchgeführt haben.

Florence Omutimba arbeitet als Trainerin beim Anglikanischen Entwicklungsdienst (Anglican Development Service Western), einer Nichtregierungsorganisation im County Kakamega und ist Regionalsprecherin des Landfrauenverbandes „WoFaAK“ für Kakamega-County. Dr. Mary Stella Wabwoba ist Ökotrophologin im Landwirtschaftsministerium in Bungoma und Regionalsprecherin des Landfrauenverbandes „WoFaAK“ für Bungoma-County. Beide bewirtschaften zuhause einen Hof.

Berichten Sie uns bitte, wie hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Pandemie geändert?

Florence Omutimba: Am 16. März wurde uns gesagt, dass wir jetzt von zu Hause aus arbeiten sollen. Das gab es zuvor noch nie. Ich arbeite normalerweise direkt vor Ort mit den Landwirten zusammen. Ich besuche ihre Farm und gebe Trainings zur landwirtschaftlichen Arbeit, bei denen es auch um technisches Wissen und zusätzliche Wertschöpfung geht. Normalerweise erreiche ich pro Tag eine Gruppe von etwa 30 Teilnehmern, aber jetzt sind es maximal drei Landwirte am Tag.
Die Beratung von zu Hause aus ist nicht einfach. Im Moment arbeite ich mit Laptop und Mobiltelefon. Leider gibt es immer wieder Stromausfälle und wir können Telefon und Laptop nicht aufladen. Das beeinträchtigt meine Arbeit wirklich sehr. Einige wenige Hofbesuche konnte ich durchführen, aber nur mit Schutzkleidung, Maske und Desinfektionsmitteln.
Mary Stella Wabwoba: Normalerweise bin ich im Landwirtschaftsministerium von Bungoma zuständig für Beratung und Ausbildung. Im vergangenen Jahr habe ich 160 Kurse abgehalten. Jetzt bin ich zu Hause, erledige Haus- und Hofarbeit und die Heimlieferung meiner verarbeiteten landwirtschaftlichen Produkte wie Sonnenblumenöl, Mucunabohnen-Getränk und frisches Gemüse. All das wurde vor der Corona-Pandemie von Angestellten erledigt. Jetzt muss ich das selbst erledigen.

 

Sie beide sind in einer verantwortungsvollen Position im kenianischen Landfrauenverband WoFaAK. Wie können Sie den Kontakt mit den Landfrauen halten?

Mary Stella Wabwoba: Das ist wirklich schwierig, wir dürfen uns ja nicht mehr treffen. Trotzdem versuchen wir die Mitglieder für die Umsetzung der Hygienemaßnahmen in ihrem Umfeld zu sensibilisieren, um zum Beispiel an Kiosken Gemüse zu verkaufen. Wir versuchen, online kleine Spar- und Kreditprogramme zu vermitteln. Aber die Kommunikation ist wegen Stromausfällen und dem schwachen Mobilfunk-Netz sehr schwierig.
Florence Omutimba: Ja, es trifft uns auch in unserem Bezirk sehr hart. Wir können unsere regionalen Gruppen nicht besuchen, um sie zu beraten, sie auszubilden und ihnen zu helfen. Der größte Teil der Kommunikation läuft im Moment über Telefon oder SMS. Ich freue mich auf den Tag, wenn wir uns alle wieder versammeln können. Wir möchten so gerne endlich wieder einen Landfrauentag abhalten!


Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf Sie persönlich?

Mary Stella Wabwoba: Ich nutze die Zeit und probiere neue Kochrezepte aus, suche online nach neuen Ideen für die Verarbeitung von Lebensmitteln und recherchiere, wie Krankheiten geheilt werden können. Und ich habe nun auch mehr Zeit, meine landwirtschaftlichen Erzeugnisse und die daraus hergestellten Produkte wie Fettgebäck, Chips und Crisps aus Süßkartoffeln zu verkaufen. Ich stelle zu Hause auch Seife zum Händewaschen für die Nachbarn her.
Negativ ist, dass die Ausgaben für Telefon und Internet stark angestiegen sind. Wir verbrauchen mehr Lebensmittel, da alle Mahlzeiten zu Hause eingenommen werden. Und ich vermisse die Treffen mit den Frauengruppen, die wir in Sachen Ernährung schulen. Mir fehlt einfach der Austausch, weil ich zu Hause bleiben muss.
Florence Omutimba: Ich habe Glück, von zu Hause aus arbeiten zu können und habe auch ein regelmäßiges Einkommen. Das macht vieles einfacher. Und mit meinem großen Gemüsegarten kann ich meine Familie gut ernähren. Die Maismühlen arbeiten nach wie vor und ich lasse meinen Mais dort täglich frisch mahlen. So kann ich den Maisbrei Ugali kochen. Das ist unser Grundnahrungsmittel.
In meiner Familie sind wir derzeit fünf Personen: mein Mann, unsere zwei Kinder und ein Arbeiter. Unsere Kinder müssen noch den ganzen Mai zu Hause bleiben. Sie lernen jetzt mit Online-Lektionen für die Schule, aber viele Familien in meinem Land können sich Internet wegen der hohen Gebühren gar nicht leisten. Die meisten Familien besitzen auch kein Notebook oder Smartphone und haben auch keinen Zugang zu Elektrizität. Deshalb ist das Online-Lernen für sie unmöglich. Viele Kinder, auch unsere, helfen nun zu Hause mit.

Haben die Menschen, insbesondere die Landfrauen in West-Kenia, in diesen herausfordernden Zeiten kreative Wege gefunden, mit Corona umzugehen? Können Sie uns Beispiele nennen?

Florence Omutimba: Unsere Landfrauen sind richtig kreativ geworden. Aus leeren Kanistern, Stangen, Nägeln und Schnüren haben sie sich einen provisorischen Wasserhahn gebastelt, um fließendes Wasser zum Händewaschen haben. Man füllt Wasser in den Kanister, und wenn man auf das kleine Pedal tritt, das über eine Schnur mit dem Kanister befestigt ist, kommt das Wasser aus dem gekippten Kanister und die Leute können sich die Hände waschen, ohne den Kanister berühren zu müssen.
Die Frauen haben auch gelernt, Flüssigseife selbst herzustellen. Die Flüssigseife ist in gebrauchten Plastikwasserflaschen abgefüllt und wird für 30-50 KES (ca. 25 Cent) verkauft. Für den Hausgebrauch bohren wir ein Loch in den Deckel der Flasche. Wenn man die Flasche drückt, kommt Seife heraus.
Außerdem stellen wir unser eigenes Handdesinfektionsmittel her. Wir mischen einen Haushaltsreiniger, der Natriumhypochlorit enthält, im Verhältnis eins zu fünf mit Wasser und füllen die Flüssigkeit ebenfalls in gebrauchte Plastikflaschen ab.

Mary Stella Wabwoba: Die meisten Landfrauen hier im Westen Kenias sind der Überzeugung, dass das Coronavirus insbesondere Menschen mit schwachem Immunsystem trifft. Deshalb achten sie darauf, Nahrungsmittel, die reich an Vitamin C sind, also Früchte wie Zitrone, Orangen und frisches Gemüse zu essen.

 

Woher bekommen Sie die Informationen über die Pandemie?

Florence Omutimba: Die Regierung gibt ihr Bestes und versucht, die Bevölkerung über Radio, Fernsehen und sogar soziale Medien auch in den vielen lokalen Sprachen aufzuklären. Jeden Tag informiert Präsident Uhuru Kenyatta oder das Gesundheitsministerium über den aktuellen Stand der Pandemie. Was ich gut finde, sind die Cartoons im Fernsehen über die Corona-Pandemie. Damit versucht die Regierung, den Kindern wichtige Informationen und Verhaltensregeln verständlich zu vermitteln.

Mary Stella Wabwoba: Gerade die sozialen Medien, Radio und Fernsehen sind für uns wichtige Informationsquellen. Außerdem hängen Plakate zum Beispiel auf dem Weg zum Markt oder entlang der Straße.

In Deutschland kontrolliert die Polizei die Einhaltung des Versammlungsverbots. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Mary Stella Wabwoba:
Das tut sie hier auch. Bei uns gibt es darüber hinaus eine Ausgangssperre zwischen 19.00 Uhr abends und 5.00 Uhr morgens. Das heißt, in diesem Zeitraum müssen alle zu Hause sein, auch nur herumzulaufen ist nicht erlaubt.

Florence Omutimba: Und wer sich nicht daran hält und erwischt wird, kommt für 14 Tage in Zwangsquarantäne. Wir haben auch Maskenpflicht. Die Herausforderung besteht darin, dass jeder seine eigene Maske kaufen muss. Die Regierung hat versprochen, kostenlos Masken an die Armen auszugeben, aber diese Masken sind bei den wirklich armen Leuten in den Gemeinden noch nicht eingetroffen. So sind diese Menschen hin und hergerissen, ob sie sich Lebensmittel für die Familie kaufen oder eine Maske leisten sollten.
Und dann gibt es noch eine neue Verordnung, die zum „Social Distancing“ beitragen soll: Wenn zum Beispiel eine Person stirbt, muss sie innerhalb von 48 Stunden begraben werden und die Anzahl der Personen, die an der Beerdigung teilnehmen dürfen, ist auf 15 begrenzt. Hier in West-Kenia findet eine Beerdigung normalerweise erst nach drei Tagen statt. In dieser Zeit kommen viele Leute ins Haus der Familie, um ihr Beileid auszudrücken und gemeinsam zu trauern. Traditionell werden die Gäste dabei sehr gut bewirtet. Das verursacht hohe Kosten und stellt eine große finanzielle Belastung für die Trauerfamilie dar. Anfangs war es schwierig, diese neue Verordnung durchzusetzen. Aber mittlerweile hält sich die Bevölkerung daran.


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