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Pflegereform darf nicht zur Belastungsprobe für Frauen werden

Landfrauen im Bayerischen Bauernverband schreiben an Gesundheitsministerin Judith Gerlach und warnen vor den Folgen der geplanten Pflegereform für pflegende Angehörige

01.09.2026 | Die geplante Pflegereform der Bundesregierung sorgt bei den Landfrauen im Bayerischen Bauernverband für große Sorge. Gemeinsam mit dem Deutschen LandFrauenverband setzen sie sich dafür ein, dass die Lebensrealitäten pflegender Frauen bei der Reform stärker berücksichtigt werden. Denn gerade im ländlichen Raum findet Pflege vielfach zu Hause statt und dort wird ein großer Teil der Sorgearbeit nach wie vor von Frauen übernommen.

In einem Schreiben fordern Landesbäuerin Christine Singer und die stellvertretende Generalsekretärin im BBV Dr. Andrea Fuß die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach auf, die geplante Pflegereform kritisch auf den Prüfstand zu stellen. Denn gerade in ländlichen Räumen ist die häusliche Pflege häufig unverzichtbar, wenn professionelle Versorgungsangebote nicht ausreichend vorhanden oder nur schwer erreichbar sind. Doch auch bundesweit wird die Mehrheit der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Frauen tragen dabei einen besonders großen Teil der Verantwortung. Der Gender Care Gap liegt weiterhin bei 43,4 Prozent.

Für viele Frauen hat die Übernahme von Pflege direkte finanzielle Konsequenzen: Sie reduzieren ihre Erwerbstätigkeit, erzielen dadurch geringere Einkommen und erwerben weniger Rentenansprüche. Gleichzeitig steigt ihr Risiko, im Alter von Armut betroffen zu sein. „Pflege darf nicht dazu führen, dass Frauen zwischen der Versorgung ihrer Angehörigen und ihrer eigenen finanziellen Absicherung wählen müssen“, lautet die zentrale Forderung der Landfrauen.

Geplante Einsparungen treffen pflegende Frauen besonders

Das geplante Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) bietet grundsätzlich die Chance, die Pflegeversicherung zukunftsfest weiterzuentwickeln. Aus Sicht der Landfrauen ist jedoch kritisch zu prüfen, welche Folgen die vorgesehenen Einsparungen auf Pflegebedürftige und pflegende Angehörige haben.

Besonders problematisch sehen die Landfrauen den geplanten Wegfall des Entlastungsbetrags für Pflegebedürftige mit Pflegegrad 1. Statt Prävention und Unterstützung frühzeitig zu stärken, droht damit eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen und ihre Familien. Wenn professionelle Unterstützungsangebote wegfallen, müssen Angehörige einspringen – und das sind vielfach Frauen.

Hinzu kommt: Für die zusätzliche Sorgearbeit erhalten pflegende Angehörige mit Pflegegrad 1 bislang keine Rentenpunkte, da diese erst ab Pflegegrad 2 vorgesehen sind. Eine Entlastung fällt damit nicht nur weg, sondern kann zugleich langfristige Folgen für die Alterssicherung haben.

Auch die diskutierte Kürzung der Rentenpunkte für pflegende Angehörige sehen die Landfrauen kritisch. Diese Anerkennung der geleisteten Sorgearbeit darf nicht geschwächt werden. Gerade für Frauen sind die Rentenansprüche ein wichtiger Ausgleich dafür, dass sie aufgrund der Pflege häufig ihre Erwerbstätigkeit einschränken.

Pflegegeld darf nicht durch ein vermeintlich größeres Budget ersetzt werden

Kritisch bewerten die Landfrauen außerdem das geplante Entlastungsbudget, das das bisherige Pflegegeld ersetzen soll. Auch wenn das Budget auf den ersten Blick höher ausfallen mag, sollen darin künftig unter anderem Pflegehilfsmittel und selbst organisierte Ersatzpflege berücksichtigt werden. Damit könnte den pflegenden Angehörigen am Ende weniger Geld für die tatsächlich geleistete Pflege zur Verfügung stehen.

Für Bayern kommt hinzu, dass das Landespflegegeld bereits zu Beginn dieses Jahres von 1.000 auf 500 Euro gekürzt wurde. Auch diese Kürzung trifft pflegende Angehörige und damit überwiegend Frauen.

„Einsparungen dürfen nicht dazu führen, dass Pflege noch stärker in die Familien verlagert wird. Was an professioneller Unterstützung eingespart wird, muss am Ende häufig durch unbezahlte Sorgearbeit aufgefangen werden mit erheblichen Folgen insbesondere für Frauen“, sagt Landesbäuerin Singer.

Mehr Unterstützung, bevor Pflegebedürftigkeit entsteht

Pflege beginnt nicht erst mit der Feststellung eines Pflegegrades. Der Unterstützungsbedarf entsteht häufig schleichend: beim Einkaufen, bei der Hausarbeit, im Haushalt oder bei alltäglichen Aufgaben, die ältere Menschen zunehmend nicht mehr allein bewältigen können.

Deshalb fordern die Landfrauen, professionelle hauswirtschaftliche Angebote stärker als niedrigschwellige Präventionsleistungen zu fördern – und zwar bereits bevor ein Pflegegrad festgestellt wird. Das würde Pflegebedürftige und ihre Angehörigen frühzeitig unterstützen und zugleich dazu beitragen, Pflegebedürftigkeit möglichst lange hinauszuzögern.

Auch das im Koalitionsvertrag vorgesehene Familienbudget für Alltagshelfer und haushaltsnahe Dienstleistungen sollte aus Sicht der Landfrauen endlich umgesetzt werden.

Pflege zukunftsfest gestalten – mit Blick auf die Lebensrealität von Frauen

Die geplante Pflegereform ist eine wichtige Chance, die Pflege in Deutschland nachhaltig und zukunftsfest aufzustellen. Sie kann aber nur gelingen, wenn die Realität pflegender Angehöriger berücksichtigt wird.

Landfrauen leisten tagtäglich einen unverzichtbaren Beitrag für Familien, Dörfer und unsere Gesellschaft. Sie übernehmen Verantwortung, wenn Angehörige Unterstützung benötigen, und tragen damit wesentlich zur Stabilität unseres Sozialsystems bei. Diese Leistung verdient Anerkennung und konkrete Unterstützung und nicht zusätzliche Belastungen.

Die Landfrauen im Bayerischen Bauernverband appellieren daher an die politisch Verantwortlichen, die geplanten Reformschritte kritisch auf ihre Auswirkungen für pflegende Frauen zu überprüfen.